Erste Mensa im Energie-Lockdown

Ressourcensparen und verkürzte Öffnungszeiten können erstaunliche Ergebnisse zeitigen. Ein Praxis-Beispiel aus Göttingen.

Foto: Stw. Göttingen

Den Fokus auf umsatzstarke Zeiten legen und so deutlich Energie sparen. Das Göttinger Studentenwerk verkürzt bundesweit als erste Hochschuleinrichtung die Öffnungszeiten einer Mensa und einer Cafeteria. Das klappt – mit einer Überraschung bei den Umsätzen.

Eigentlich hatte man in Göttingen gerade erst die Öffnungszeiten ausgedehnt – bis 17 Uhr in der Z-Mensa und bis 20 Uhr im Café Central, der größten Cafeteria auf dem Zentralcampus. Nun die Reißleine – ein Versuch, schon frühzeitig Energiekosten zu sparen, bevor die Preise für Gas und Strom Ende des Jahres davongaloppieren. Vor allem zwei der dicksten Energieverbraucher – Spülen und Lüftung – sollten einige Stunden eher vom Netz gehen. Der energetische Hintergrund: Göttingen fährt ein Energie-Modell, das in vielen Mensen und Care-Betrieben vorhanden ist und bislang als wirtschaftlich und energieeffizient galt – Spülmaschinen und Kessel werden mit Niederdruckdampf betrieben.
Titel-Thema im Oktober: Mensa-Krise
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Diesen Dampf erzeugen sie selbst aus Gas, im hausinternen Dampfdruckkessel. "Das machen wir seit Gründung der Mensa in den 1970er Jahren und lassen es immer wieder auf Wirtschaftlichkeit prüfen", sagt Ludwig Nolte, Leiter Betriebstechnik. Im Jahr 2016 wurde die Anlage deshalb auch einmal komplett saniert. Die Erfahrungen mit dem Modell waren gut: Zwar braucht es dafür geschulte Mitarbeiter, die den Dampfdruckkessel täglich warten. Aber das Entscheidende: "Mit Strom betrieben, hätten wir rund 25 Prozent höhere Energiekosten für diese Techniken aufzuwenden."

Transparenz ist Trumpf

Doch bei den prognostizierten Preisschüben ab Ende des Jahres stellt sich die Frage der Wirtschaftlichkeit völlig neu. Denn: Bis 14.30 Uhr kamen bislang durchschnittlich 3.600 Gäste mittags in die Z-Mensa. In den folgenden zweieinhalb Stunden liefen noch 150 bis maximal 200 Bons auf. "Das reicht noch nicht einmal, um den Strom für die Beleuchtung zu zahlen", so Nolte. Wohlgemerkt – bei im Moment noch stabilen Energiekosten. Der Technik-Experte verfügt dank eines Küchenleitsystems über dezidierte Einblicke in alle Energieverbrauchsdaten, ob zum Lastgang am Tag, einzelnen Geräten oder Arbeitsbereichen.
Betriebstechnik-Leiter Ludwig Nolte an der Spülmaschinensteuerung.
Betriebstechnik-Leiter Ludwig Nolte an der Spülmaschinensteuerung.
Foto: Stw. Göttingen
Nahezu alle Techniken sind einbezogen, melden just in time Energieverbräuche, vom Kessel über Salamander, Spülmaschine oder Beleuchtung bis hin zu jedem Becken in der Speiseausgabe. Gewichtige Daten, die bei den Göttingern in viele energetisch sinnvolle Maßnahmen einfließen. Nun soll der Verbrauch von jährlich rund 3.000 Megawattstunden weiter sinken, und zwar möglichst drastisch. Denn bei rund 300.000 Euro jährlichen Energiekosten allein für die Zentralmensa würde es nicht bei den prognostizierten Preissteigerungen bleiben. Ob sich die Preise "nur" um 50 Prozent erhöhen, verdoppeln oder gar verzehnfachen wie jetzt schon andernorts – es wäre wirtschaftlich nicht mehr darstellbar.
Frank Sager, Stw. Göttingen Stw. Göttingen
Das war ein wichtiger Schritt, um Preiserhöhungen möglichst lange auszuschließen
Frank Sager, Stw. Göttingen
Seit Juli schließt die Zentralmensa nun wieder um 14.30 Uhr – die Geräte der Produktionsküche, die Ausgabe, die Lüftung sowie Beleuchtung und Heizung gehen dann vom Netz. Die Spülküche mit ihren drei Bandspülmaschinen schafft noch bis maximal 15.30 Uhr das schmutzige Geschirr weg, dann wird es auch hier ruhig. Nur die üblichen 24/7-Techniken bleiben: Notbeleuchtung und Kälte; in Göttingen sind das Kühlzellen, ein Tiefkühllager, dazu Kühlschränke in der Free Flow-Speisenausgabe und in der Küche. 15 bis 20 Prozent des Energieverbrauchs entfallen auf diese 24/7-Techniken. Heißt: Seit Anfang Juli nehmen die Göttinger nachmittags Energieverbraucher mit einem Anteil von rund 80 bis 85 Prozent vom Netz. Befürchteter Umsatzverlust blieb aus.
gvpraxis-Grafik
Die ersten Ergebnisse des freiwilligen "Energie-Lockdowns" am Nachmittag liegen nun vor – und stimmen deutlich positiver als erhofft. Rund 11.000 Euro monatlich haben die Göttinger im ersten Folgemonat bei den Energiekosten eingespart – bei aktuellen, noch nicht erhöhten Preisen. Der Gasverbrauch sank um 20 Prozent. Das geht im Wesentlichen auf die Spülküche mit drei Bandspülmaschinen zurück. Der Stromverbrauch reduzierte sich um rund 15 Prozent. Der Bonus: Rund 150.000 Liter Wasser wurden obendrein monatlich eingespart, hauptsächlich das Wasser für die Spülmaschinen und in Teilen für den Dampf als Energieträger.
Bowls mit frischen meist regional-saisonalen Zutaten punkten bei Studierenden.
Bowls mit frischen meist regional-saisonalen Zutaten punkten bei Studierenden.
Foto: Stw. Göttingen
Völlig überraschend die Auswirkungen auf die Umsätze bei verkürzten Öffnungszeiten: Sie blieben konstant. "Wir gehen davon aus, dass unsere Gäste einfach eher kamen", vermutet Frank Sager, Leiter der Campus-Gastronomie in Göttingen. Möglicherweise hat die offensiv-transparente Kommunikation geholfen. Via Facebook, Instagram und Youtube informierte das Studentenwerk durch Geschäftsführer Professor Jörg Magull persönlich, zeitgleich lief eine Pressemitteilung über den Äther. Als Auslöser für die verkürzten Öffnungszeiten wurden zwei Dinge kommuniziert: den just zuvor verkündeten Spar-Appell von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, jede eingesparte Kilowattstunde beim Gas helfe. Und natürlich: Preiserhöhungen beim Mensa-Essen vermeiden. Beschwerden gab es zwar auch: "Doch das war marginal, in den ersten zwei Monaten maximal 20 Reklamationen", berichtete Anett Reyer-Günther, Kommunikationschefin des Studentenwerks. Niedrigere Energiekosten – stabile Bonwerte.

Mut zu verkürzten Öffnungszeiten lohnt sich

Rund ein Drittel weniger Energiekosten bei gleichzeitig nahezu stabilen Bonzahlen: "Das hat uns richtig geholfen, war ein wichtiger Schritt, um Preiserhöhungen möglichst lange auszuschließen", resümiert Frank Sager. Außerdem wird technisch da, wo es nicht längst erfolgt ist, nachgerüstet, um energieeffizienter unterwegs zu sein.
Foto: jittawit.21/Adobe Stock; Montage: gvpraxis
Alle Leuchtmittel werden sukzessive auf LED umgestellt, die Laufwege mit Präsenzmeldern ausgestattet, um die Beleuchtungszeiten so kurz wie möglich zu halten. Aber eigentlich ist schon viel passiert, Wärmerückgewinnung etwa erfolgt nahezu flächendeckend bei den Kesseln, der Kälte und – hier integriert – den Spülmaschinen.
Wir setzen wieder zu 30 Prozent auf Gas für dampfbetriebene Spülmaschinen und Kessel
Ludwig Nolte, Stw. Göttingen
Die neue Mensa, die Göttingen derzeit plant, wird übrigens mit demselben Energiemix durchstarten: "Wir setzen wieder zu 30 Prozent auf Gas für dampfbetriebene Spülmaschinen und Kessel", erläutert Ludwig Nolte. "Wir haben das durchrechnen lassen:
Mensa Am Turm: Emissionen runter!
Mensa Am Turm: Emissionen runter!
Foto: Stw. Göttingen
Strom und Gas verteuern sich nahezu im Gleichschritt, und unter dem Strich sind wir so nach wie vor günstiger unterwegs." Und im Worst Case – einem Gasstopp? "Dann verpflegen wir unsere Gäste aus der Mensa Am Turm heraus, die komplett mit Strom arbeitet."

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