Was Transformation für HR bedeutet

Aldi Nord schafft Bewegungsraum

Viola Schimansky: Als Managing Director International Human Resources bei Aldi Nord voll involviert in den Umzug.
Schuchrat Kurbanov
Viola Schimansky: Als Managing Director International Human Resources bei Aldi Nord voll involviert in den Umzug.

Viele Aldi Nord Mitarbeiter sagen im April dem eigenen Schreibtisch und Büro Adé. Sie beziehen die offen gestalteten Arbeitsflächen im neuen Campus. HR-Chefin Viola Schimansky erklärt, wie sie eine solche Umstellung begleitet.

Frau Schimansky, der Umzug in die neue Zentrale ist optisch ein Riesengewinn. Was wird sich noch verbessern?
Viola Schimansky: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Essen waren bisher auf drei Standorte verteilt. Daher sind wir uns untereinander selten begegnet, schon gar nicht zufällig. Jetzt haben wir kurze Wege, spontane Treffen sind möglich. Wir haben viele neue Kollegen, die sich aufgrund der Corona-Phase noch nie begegnet sind. Sie freuen sich ganz besonders darauf, auf dem Campus zusammen zu kommen. Die neue Arbeitsatmosphäre mit großzügigen Arbeitsflächen, viel Licht und Offenheit ist ein Quantensprung – überhaupt nicht mehr vergleichbar mit den früheren Büros.

Welche neuen Spielräume bietet der Campus?
Aldi Plaza: Großzügiges Entrée.
Aldi Nord/Deimel+Wittmar
Aldi Plaza: Großzügiges Entrée.
Wir haben Kolleginnen und Kollegen, die mit Lieferanten verhandeln, IT-Entwicklerinnen und Mitarbeiter im Qualitätsmanagement mit Testküchen. Auf all dies ist der Campus vorbereitet mit Räumlichkeiten und entsprechender Technik. Wir haben maximal flexible Möglichkeiten für maximal unterschiedliche Aufgaben – heute und in Zukunft.

Sind Sie als HR-Chefin gefragt, neue Arbeitsabläufe mitzugestalten?
Das gehört unbedingt zu den Aufgaben von HR. Es geht ja um drei Komponenten: die Räumlichkeiten, die Technik und die Frage, wie verhalten wir uns miteinander. Wie funktioniert der Campus, wenn die ganzen Menschen ihre Büroflächen beziehen? Wir nennen das intern: Bricks, Bytes and Behaviour. Wie verhält sich eine Führungskraft, wenn sie in ihren Bereich kommt und niemanden antrifft? Wie organisiere ich mein Team und sorge dafür, dass es gut arbeiten kann, innovativ und produktiv ist?

Inwiefern wurden die Führungskräfte darauf vorbereitet?
Wir haben sie alle – vom Topmanager bis zum Teamleiter – zu Trainings eingeladen. Dort haben wir noch einmal deutlich auf die Philosophie des Campus als Bewegungsraum hingewiesen und ein deutliches Vorher-Nachher-Bild aufgemalt: Heute viele kleine Büros mit geschlossenen Türen in langen Fluren, morgen große offene Bereiche, wo viel mehr Menschen zusammenkommen und wo auch viel mehr Interaktion herrscht. Es gibt nur noch wenige Einzelbüros, die für die Geschäftsführung reserviert sind.
Offene Arbeitsfläche: Einzelbüros hat nur noch die Geschäftsführung.
Aldi Nord/DEIMEL+WITTMAR
Offene Arbeitsfläche: Einzelbüros hat nur noch die Geschäftsführung.
Zur Vorbereitung des Umzugs haben wir ein Team mit Kollegen aus der Kommunikation, aus dem Bereich Facility Management und Human Resources gebildet, das in ständigem Austausch steht mit unseren Umzugskoordinatoren aus den einzelnen Bereichen. Gemeinsam nehmen sie die Sorgen und Nöte der Mitarbeiter auf, filtern sie und schauen, ob es Dinge gibt, die wir ändern oder besser erklären müssen. Das ist unsere Herangehensweise, um den Neustart gut zu begleiten.

Zum neuen Campus gehört auch ein großer klassischer Hörsaal. Was wird dort gelehrt?
Wir wollen abteilungsübergeifend arbeiten und Fachexpertisen teilen. Ein solches Auditorium bietet sich dafür an, zusammenzukommen – auch wenn man an einem Projekt gar nicht direkt beteiligt ist – um zu hören, was die Kollegen vorhaben, was sie für Themen haben. Wir wollen das Auditorium nutzen als Collaboration Room, als Lernort. Das ist aber nur ein Ort für den Austausch als Basis für ein besseres Miteinander.

Wenn man das alte Verwaltungsgebäude vergleicht mit dem neuen Campus, ist es, als wäre aus dem Frosch ein wunderschöner Prinz geworden. Könnte das Neidgefühle wecken bei allen, die dezentral arbeiten?
Die Umgestaltung geht weiter: Auch in den Regionalgesellschaften und Länderholdings versuchen wir, so weit das räumlich geht, eine vergleichbare Arbeitsatmosphäre zu schaffen. In Belgien haben wir eine neue, moderne Niederlassung gebaut, ebenso haben sich die Arbeitswelten der Holdings in den Niederlanden und in Frankreich an diesem Konzept orientiert.

Und was werden die Mitarbeiter in den Filialen denken?
Ich glaube, dass der neue Campus auch bei den Mitarbeitern im Verkauf Stolz auslöst. Das ist in jedem Fall das Feedback, das uns über unsere internen Kommunikationskanäle erreicht. Aber für eine konkrete Aussage ist es zu früh. Die meisten haben den Campus noch nicht besichtigen können.

Rechnen Sie mit einer Vollauslastung des neuen Gebäudes? Welche Mobile Work Policy hat Aldi Nord?
Wir wollen das Beste aus beiden Welten. Wir glauben daran, dass viele Tätigkeiten nur zusammen und im physischen Miteinander gut funktionieren. Wir wissen aber auch, dass mobiles Arbeiten, das Arbeiten von zu Hause Vorteile hat wie kurze Anfahrtswege und Ruhe für konzentrierte Arbeit. Die Kombination macht es. Deshalb werden wir uns ungefähr drei Tage die Woche im Büro treffen. Wir haben da eine monatliche Betrachtung, aber den überwiegenden Teil, 60 Prozent, wollen wir hier zusammenkommen.
Coworking: Freiflächen für den Austausch.
DEIMEL+WITTMAR
Coworking: Freiflächen für den Austausch.
Die Verwaltung ist in den letzten fünf Jahren von 350 auf 1 800 Experten gewachsen, die zum Teil von sehr namhaften Organisationen kommen. Porsche fiel als Name, aber auch das MIT. Diese Kollegen hatten einen Lebensmitteldiscounter als nächsten Karriereschritt doch sicher gar nicht auf dem Schirm?
Aldi Nord bietet einem etwas, das man nur einmal im Leben angeboten bekommt: Es gibt nur wenige Unternehmen, die eine so beeindruckende Geschichte haben, ihre eigene DNA, und auf der anderen Seite eine der größten Transformationen im Retail durchziehen. Wenn man etwas bewegen und verändern will, ist Aldi Nord der 'place to be'. Man muss aber auch etwas verändern wollen. Status Quo verwalten - das ist es bei uns nicht. Wir suchen Macher und Anpacker im allerbesten Sinne.
„Wir haben maximal flexible Möglichkeiten für maximal unterschiedliche Aufgaben“
Viola Schimansky
Können Sie erklären, warum in so kurzer Zeit so massiv Personal in der Verwaltung aufgebaut wurde?
Dass wir vor einigen Jahren einen umfangreichen Wachstumskurs eingeschlagen haben, ist mittlerweile bekannt. Wir wollen schneller, moderner und digitaler werden. Kurzum, wir wollen das Discount Modell in eine neue Generation führen. Dafür brauchen wir Personal in allen Fachbereichen – vom Einkauf bis in die IT.

Vor drei Jahren hat Aldi Nord mit der Transformation begonnen und dabei viele Steine umgedreht. Welche Steine waren es im HR-Bereich?
So ziemlich jeder. Wir haben Mitarbeiterdialoge, strukturierte Feedback-Gespräche, eingeführt und beschäftigen uns intensiv mit zeitgemäßer Vergütung in der Verwaltung und den Verkaufsstellen. Damit schaffen wir für HR ein blitzsauberes Fundament.

In Kununu fällt Adli Nord derzeit noch durch eine schlechte Weiterempfehlungsquote auf. Wie ernst nehmen sie so eine Bewertung?
Wir sehen da schon eine Verbesserung, aber trotzdem ist es natürlich noch nicht der Wert, den wir uns wünschen. Bei Kununu muss man unterscheiden, ob man dem Groll Einzelner folgt oder breiter drauf schaut. Unsere Mitarbeiterbefragung im letzten Jahr ist ausgesprochen gut ausgefallen. Ich habe noch nie in einem Unternehmen gearbeitet, in dem die Zusammenarbeit mit Führungskräften und das Miteinander so positiv bewertet wurden. Das ist ein echtes Pfund, dieser Teamspirit und das Zusammengehörigkeitsgefühl, obwohl wir so schnell gewachsen sind. Wir sehen auch, dass in den Verkaufsstellen viele eine Art Familiengefühl haben, füreinander einstehen und sich mit Aldi identifizieren. Bei 80.000 Mitarbeitern kann man nicht verhindern, dass der eine oder andere sich mal negativ äußert oder kündigt, aber wir haben es als Pflicht erkannt, auf die Urteile der Mitarbeiter aufzupassen, um Tendenzen zu erkennen, und vertrauen dabei auf strukturierte HR-Prozesse.

Wie viele Sorgen bereitet Ihnen der Fachkräftemangel?
Große. Wenn wir international schauen, haben wir die Herausforderung in allen Aldi Nord Ländern. Früher waren es nur die Mint-Berufe, die nach wir vor schwierig zu besetzen sind. Heute reichen die Lücken bis in den Verkauf und das Lager, von IT bis zu Datenfachleuten.

Was tun Sie dagegen?
Wir geben uns große Mühe, deutlich zu machen, wofür Aldi steht. Denn die Menschen wollen sich mehr denn je identifizieren mit dem Arbeitgeber. Wir haben viel zu bieten, weil wir schon so lange an den jeweiligen Standorten verankert sind. Aber es bleibt eine harte Nuss – für jedes Unternehmen.

Erwarten Sie Verwerfungen durch den neuen gesetzlichen Mindestlohn?
Wir sind tarifgebunden, das ist uns wichtig, weil es viel mit fairer Vergütung zu tun hat. Darüber hinaus zahlen wir übertarifliche Zulagen, deshalb liegen wir heute in der Regel schon über 12 Euro. Wenn der Mindestlohn auf 12 Euro steigt, werden wir schauen, ob wir uns über die Aldi- Zulage weitere Gedanken machen müssen.

Wenn alle Händler 12 Euro zahlen, verlieren die großen Discounter ihren USP?
Ja, wenn man intern gewisse Abstände einhalten will, setzt das eine Kettenreaktion in Gang.

Aldi Nord wird ein Tech-Unternehmen, konnte man kürzlich lesen. Können Sie erklären, wie Tech in Ihren Bereich hineinspielt?
HR muss gut zuhören können. Aber Zahlen, Daten, Fakten helfen sehr, um Entscheidungen zu treffen, die viele oder alle Mitarbeiter betreffen. Bei Basisprozessen wie Gehaltsabrechnungen aber auch Mitarbeiter-Einsatzplanungen helfen digitale Lösungen. Die IT hat den Auftrag, unsere Prozesse zu unterstützen. Sie kommt aber auch mit neuen Tools und Möglichkeiten auf uns zu. Es ist ein Zusammenspiel.

Was sind Ihre wichtigsten Projekte 2022?
Im Campus ankommen und ihn zum Leben erwecken. Mit politischer Entwicklung umgehen, helfen, und wir müssen auch sehen, wie es mit Corona wirklich weitergeht.

Dieser Text erschien zuerst auf www.lebensmittelzeitung.net.

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