Kommentar | Wiesbaden

Nach Caterer-Schließung: Schulessen muss auf die politische Agenda!

In Wiesbaden wurde der Betrieb eines Schulcaterers stillgelegt aufgrund "erheblicher hygienischer Mängel". Ein Paradebeispiel, was alles schief gehen kann, obwohl eigentlich alle zufrieden waren, alle nur das Beste wollten. Deutschlands Schulverpflegung braucht mehr politisches Gewicht und Fachkompetenz an den richtigen Stellen.

Der Grund für die Betriebsschließung: Ausstattung und Know-how rund um Cook&Chill fehlten, Küchenabläufe genügten nicht den Vorschriften. Die Folgen: Für 1.300 Schüler in zehn Schulen musste ad hoc ein neuer Caterer gefunden werden. Eine Herkules-Aufgabe für die sechsköpfige Abteilung Grundschulbetreuung in der Verwaltung der Landeshauptstadt. Ein Caterer, der aufgrund seiner Beliebtheit immer mehr Schulen bedient hatte, wird von Eltern angefeindet, die Gesundheit ihrer Kinder gefährdet zu haben. Schulleitungen müssen unangenehme Neuigkeiten verkünden, was auch auf die Umsetzung ihrer Schutz- und Sorgfaltspflicht nicht gut rückwirken wird. Manche Pressevertreter wittern Klicks und Leser mit Headlines wie "Ekelfund…", die mit der Wahrheit nichts zu tun haben. 16 Menschen verlieren ihre Arbeitsstelle, ein Unternehmer seine Existenz.

Musste das sein?
Ja.
Regeln, die der Sicherheit von Gästen und auch Beschäftigten dienen, haben ihren Grund und müssen eingehalten werden. Klappt das nicht, müssen verantwortliche Kontrolleure handeln.

Nein. Hätten alle Beteiligten offen und vertrauensvoll kommuniziert und an einer Lösung gearbeitet, hätte die Betriebsstilllegung verhindert werden können. Hätten alle Akteure das notwendige Fachwissen über Großküchenprozesse, technische und bauliche Voraussetzungen sowie HACCP-Grundlagen gehabt, wäre das Problem erst gar nicht entstanden.

Ein Einzelfall? Ich befürchte, nein! Erstens sind überall die Budgets knapp, Caterer arbeiten am Existenzlimit und vermissen schmerzlich Fachkräfte. Zweitens ist jede Kommune in Deutschland auf sich gestellt, wie sie die Betreuung von Kindern in den Schulen umsetzt. Und wie sie letztendlich dafür sorgt, dass alle Schülerinnen und Schüler, die dies wollen und/oder brauchen, eine gesundheitsförderliche, für Kommune und Eltern erschwingliche und am besten auch klimafreundliche Mahlzeit erhalten. Oftmals sind dafür wie in Wiesbaden Verwaltungsangestellte zuständig. Dass hier jemand sitzt, der eine Fachausbildung in Sachen Großküche absolviert hat, ist mehr als unwahrscheinlich.

Die Bundeshauptstadt Berlin leistet sich deshalb seit 2019 das Projekt "Kantine Zukunft". Auf Kosten der Stadt werden die Großküchen-Teams öffentlicher Einrichtungen geschult, wie sie mit hohem bio-regionalem Food-Einsatz ohne wesentliche Budgetsteigerung und selbstverständlich mit dem notwendigen HACCP-Know-how zu Werke gehen können. In Tübingen wurde mit ODS ein spezialisiertes Beratungsunternehmen engagiert, um mit einer ökologisch orientierten professionellen Ausschreibung genau einen lokalen Caterer für alle Schulen zu ermitteln. Göttingen hat 2007 erkannt, dass es Expertenwissen und Qualitätsstandards in Küchen und Köpfen braucht, um das Kita- und Schulcatering auf solide Füße zu stellen. Die Ergebnisse sind beachtlich. Wir berichten im Februar-Heft der gvpraxis.
Ergo: Wenn in Deutschland bis 2026 das Ganztagsförderungsgesetz sinnvoll umgesetzt werden soll – alle Grundschüler haben Anspruch auf eine Mittagsmahlzeit – braucht es nicht nur in Wiesbaden mehr Großküchen-Experten, um die notwendigen Strukturen zu schaffen. Deutschland zählt derzeit rund 11 Millionen Schülerinnen und Schüler, davon knapp 3 Millionen an Grundschulen. Ohne genügend Caterer mit entsprechender professioneller Ausstattung und gut geschulten Köche- und Service-Teams, wird es nichts mit bio-regional-saisonal-klimafreundlichen Mittagsmahlzeiten an Deutschlands Grundschulen. Die Jobs müssen attraktiv sein, sprich gut bezahlt UND wertgeschätzt und familienfreundlich.

Beim aktuell vorherrschenden Fachkräftemangel steht dies unter keinem guten Stern. Das Team des Wiesbadener Caterers arbeitete von 6 bis 15 Uhr. Attraktiv für Köche, Fahrer und Spülkräfte, die die krassen Arbeitszeiten der teils 24/7-Gastronomie hinter sich lassen und Familie zufriedenstellend leben wollen. In Frankfurt am Main will Bildungs-Dezernentin Sylvia Weber das städtische Schulcatering in Eigenregie überführen. Die Machbarkeitsstudie läuft gerade. Wir sind gespannt.

Eines ist klar: Es reicht nicht, Gesetze zu verabschieben. Nicht nur bei einem gesellschaftlich so zukunftsentscheidenden Thema wie Ernährung und Ernährungsbildung steht die Politik in der Verantwortung. Sie muss auch die nötigen Strukturen dafür schaffen.




stats