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"Beamte wollen es handsome & cozy"

Michael Mosers jahrelange Erfahrungen mit Gästen in öffentlichen Kantinen lässt ihn am Erfolg der BMEL-Pläne für höhere Speisenqualität zweifeln.
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Michael Mosers jahrelange Erfahrungen mit Gästen in öffentlichen Kantinen lässt ihn am Erfolg der BMEL-Pläne für höhere Speisenqualität zweifeln.

Bundesernährungsminister Cem Özdemir will die Speisenqualität in der Gemeinschaftsverpflegung flächendeckend verbessern und insbesondere das Essen in Kantinen gesünder und nachhaltiger gestalten.  Einen Schlüssel dazu erkennt er in den DGE-Qualitätsstandards. Sein Ministerium fördert deshalb drei Projekte der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) mit knapp 3,8 Millionen Euro für drei Jahre. Ein Witz, findet der freiberufliche Küchenmeister Michael Moser. Ein Leserkommentar.

Der Kommentar erschien zuerst in der Print-Ausgabe der gvpraxis.  Jetzt im E-Paper lesen

Als ich den Post im gvpraxis update Newsletter gelesen habe, bin ich vor Lachen fast vom Stuhl gefallen. Seit Anfang der 2000er bin ich wieder in Deutschland und habe als freiberuflicher Küchenmeister (Mietkoch) in der Region Stuttgart und in Süddeutschland schon in etlichen Großküchen für Unternehmen, KMUs und für unterschiedliche Behörden gekocht. Was Cem Özdemir vorhat, verwässert spätestens beim dortigen Wareneinkauf. Sicher über 60 Prozent der Behörden-Kantinen werden von Cateringkonzernen betrieben, der Rest von Kleinkrauterern …

Kleines Budget trifft anspruchsvolle Gäste

Die Angestellten und die Beamten wollen es alle "handsome & cosy", am liebsten vorgekaut und billig auf dem Teller. Deswegen rechnen die Behördenkantinen auch mit dem spitzen Bleistift, ein durchschnittliches Essen darf meist 4 Euro nicht übersteigen. Dann noch 60 Cent für den Salat oder das Dessert zu verlangen, ist schon wirtschaftliche Todsünde und Raubmord an den dortigen Essensteilnehmern. Mehrfach habe ich erlebt, wie gewerkschaftlich organisierte Essensausschüsse um Zehntel Cent gefeilscht und dem Caterer gedroht haben, mit den Füßen abzustimmen, sprich: nicht mehr zu kommen!

Seit letztem Jahr bin ich auch regelmäßig als Dienstleister in der Bundeswehr unterwegs, ein Debakel. In den bisherigen zehn Kasernen, in denen ich für meinen Personaldienstleister kochen durfte, tendiert Nachhaltigkeit gegen null. Von den zentral im Versorgungsamt Oldenburg zusammengefrickelten Speiseplänen abgesehen, ist absolut nichts zu erwarten. Die dort präferierte Systemküche ist leider unter aller Menschenwürde. Das Essen für die Soldaten kostet morgens 1,75 Euro, mittags und jeweils 3,70 Euro.

Leider sind die gelieferten Waren annähernd nicht die Hälfte wert … nur Preise beim Handel zu drücken, schmeckt leider nicht jedem!

PS: In jedem Standort der Bundeswehr werden pro Monat mindestens eine Tonne noch innerhalb des MHD haltbare Lebensmittel entsorgt!

Also mein Tipp an Cem: Ball flachhalten und kein Bla-bla, wenn man in diesem Metier nicht einmal ansatzweise mitreden kann!

Der Leserkommentar erschien zuerst in der März-Ausgabe 2022 der gvpraxis.  Jetzt im E-Paper lesen

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