Ernährungsstrategie – ohne uns?!

Die Bundesregierung hat den BMEL-Eckpunkten für die Ernährungsstrategie zugestimmt. Der GV kommt eine wichtige Rolle zu

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Grünes Licht: Die Bundesregierung hat den Eckpunkten der Ernährungsstrategie zugestimmt, die das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) vorgeschlagen hat. Der Gemeinschaftsgastronomie kommt dabei eine gewichtige Rolle zu: Der Bund sieht sie explizit als Hebel zur Umsetzung. Doch was genau soll umgesetzt werden und wie wird es finanziert?

"Wir tun uns als Gesellschaft einen großen Gefallen, wenn wir unseren Kindern, dem Wertvollsten, was wir haben, in Kita und Schule ein gesundheitsförderndes und abwechslungsreiches Essensangebot machen. Deshalb wollen wir unter anderem die Gemeinschaftsverpflegung als Hebel nutzen, um allen Bürgerinnen und Bürgern die Erfahrung mit guten, leckeren und gesunden Mahlzeiten zu ermöglichen." Klare Worte von Cem Özdemir, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, als er die Eckpunkte der Ernährungsstrategie am 21. Dezember 2022 vorstellt.

Cem Özdemir BMEL-Chef Werbeverbot © IMAGO / Metodi Popow
Wir tun uns als Gesellschaft einen großen Gefallen, wenn wir Kindern ein gesundheitsförderndes Essensangebot machen. Deshalb wollen wir die Gemeinschaftsverpflegung als Hebel nutzen.
Cem Özdemir, Bundesernährungsminister.
Mit dem Eckpunktepapier werden die Leitlinien für die künftige Ernährungsstrategie der Bundesregierung bestimmt. Sie ist ein Teil des Koalitionsvertrages. Bis Ende 2023 will die Regierung eine Strategie verabschiedet haben, um "die Freude an gutem Essen zu erhalten und zu fördern" und dabei Gesundheits- und Umweltaspekte zu stärken. Ziel ist es, innerhalb des Ernährungssystems die Rahmenbedingungen und Strukturen zu schaffen, dass sich alle Menschen in Deutschland gesund und nachhaltig ernähren können. "Es hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun, wenn hart arbeitende Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sich darauf verlassen können, in der Kantine gutes Essen zu bekommen. Es sollte selbstverständlich sein, dass Patienten in Krankenhäusern das für ihre Genesung bestmögliche Essen bekommen", so Özdemir.
Ziele der Ernährungsstrategie
  • eine stärker pflanzenbetonte Ernährung
  • weniger Zucker, Fette und Salz in verarbeiteten Lebensmitteln
  • effektiv reduzierter Foodwaste
  • gesündere und nachhaltigere Mahlzeiten in der Gemeinschaftsverpflegung
  • Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung
  • erhöhter Anteil an saisonal-regional und ökologisch-klimafreundlich erzeugten Lebensmitteln in der Gemeinschaftsverpflegung

So weit die Theorie. Doch umgesetzt werden muss die Strategie in der Praxis. Und hier zeigen sich die Verbände und Unternehmen innerhalb der Gemeinschaftsgastronomie einigermaßen überrascht: "Ich war weder als Vertreter der Branche noch in meiner Funktion als Vertreter des Deutschen Instituts für Gemeinschaftsgastronomie (DIG) in die Erarbeitung der Maßnahmen eingebunden", sagt Dr. Stefan Hartmann, Vorsitzender des DIG und Geschäftsführer der Bayern Bankett Gastronomie, der mit seinem Verband inhaltlich hinter der Ernährungsstrategie steht. "Grundsätzlich sind die Eckpunkte der Ernährungsstrategie richtig, wenn auch nicht wirklich neu.  Sich 'gut und gesund zu ernähren' ist in der Gemeinschaftsgastronomie seit jeher eines der Grundprinzipien", sagt Hartmann. "In der Ausgestaltung dieses Prinzips die Themen Qualität der Lebensmittel, Nachhaltigkeit und Ausbau der Ernährungskompetenz zu fokussieren, macht Sinn." Dies sei allerdings bei vielen Kolleginnen und Kollegen in der Gemeinschaftsgastronomie – "für die Mitglieder des DIG kann ich das zumindest so feststellen" – bereits praktisch umgesetzt.

Eckart Symposium © Foodservice
Die Gemeinschaftsgastronomie kann nur ein Hebel sein, wenn die Betreiber den finanziellen Spielraum haben, sonst bleibt die Strategie nur eine Absichtserklärung!
Dr. Stefan Hartmann, Vorsitzender des DIG – Deutsches Institut für Gemeinschaftsgastronomie

Als Daniela Aug mit dem Eckpunktepapier konfrontiert wird, reagiert sie sehr deutlich: "Ich habe mich gefragt: was soll das? Ernährung war strategisch in der Politik bislang eigentlich kaum ein Thema und dann kommt so ein Pamphlet, das leider komplett an der Realität vieler Küchen vorbeigeht", sagt die Präsidentin des VKK – Verband der Küchenleitung. "Ich frage mich, wie diejenigen Betriebe, die die Ernährungsstrategie ja praktisch umsetzen würden, das ohne konkrete Handlungsempfehlungen und ein entsprechendes Finanzierungskonzept bewerkstelligen sollen." Sie beschreibt die Situation vieler Kollegen, die etwa in Schulen, Kitas oder Betrieben die Küchen leiten und herausfordernde Zeiten hinter und auch noch vor sich haben. "Die Corona-Pandemie hat viel Geld gekostet. Und dann sind im Laufe des Jahres Kosten für Energie und Lebensmittel explosionsartig gestiegen, dabei kämpfen wir ohnehin mit den niedrigen Preisvorstellungen der Kunden."

Um die Situation mit aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zu verdeutlichen: Die Preise für Gemüse stiegen 2022 um 10,7 Prozent. Besonders stark verteuerten sich Gurken (26,2 %) und Tomaten (16,9 %). Insgesamt legten die Verbraucherpreise im Schnitt 2022 um 7,9 Prozent zu. Deutlich moderater fiel der Preisanstieg bei Obst aus, das 3 Prozent mehr kostete. Neben dem starken Anstieg der Energiepreise trieben auch insgesamt teurere Nahrungsmittel (13,4%) die Inflation in die Höhe. "Wir kaufen das Gemüse aus Holland ja nicht deshalb, weil es besser ist", räumt Aug Daniela süffisant ein. "Wir stehen selbstredend grundsätzlich hinter Initiativen, die eine gesunde Ernährung fördern, aber diese Eckpunkte sind viel zu undurchsichtig, kompliziert und sind – sehen Sie es mir bitte nach – nicht das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind."

Daniela Aug © VKK
Mein Wunsch wäre gewesen, dass das BMEL zuerst mit der Basis gesprochen hätte. Dann würde man die Strategie nämlich danach ausrichten können, wo Probleme liegen und in welchen Bereichen Unterstützung benötigt wird. So ist es leider nach meinem Eindruck vollkommen ins Blaue hinein geplant.
Daniela Aug, Präsidentin des VKK – Verband der Küchenleitung
Ähnlich negativ aufgenommen hat das Eckpunktepapier Felix Weiske. Über 250 Kindertageseinrichtungen betreut der RWS Cateringservice in Leipzig, den er als Geschäftsführer leitet. "Das kam aus heiterem Himmel und hat uns total überrascht", so Weiske, der bekräftigt, dass die bislang geäußerten Eckpunkte in der täglichen Arbeit seines Unternehmens keine Rolle spielen würden. "Im Grunde liest sich das Ganze wie ein Wunschzettel des BMEL. Was – und vor allem zu welchem Preis – gekocht wird, entscheidet aber der Kunde. Und hier liegt leider eine ziemliches Stadt-Land-Gefälle zwischen großen Metropolen wie Berlin und ländlichen Regionen", erläutert er. "Nennen wir es mal die fancy Bowl auf der einen und den bodenständigen Eintopf auf der anderen Seite. Versuchen wir etwa flächendeckend vegan zu kochen, würden viele Eltern der Kita-Kinder Ersatzprodukte für Fleisch erwarten. Und mit solchen Produkten lässt sich in der derzeitigen Preiserwartung der Eltern schlicht nicht wirtschaftlich arbeiten." Weiske stört sich daran, dass die bislang veröffentlichten Eckpunkte einen „leichten Hang zur Bevormundung“ aufwiesen. "Außerdem ist das Papier nicht konkret genug. So zielt die Strategie leider an der Praxis vorbei."

Die Qualitätsstandards der DGE sollen bis 2030 verbindlich werden.

Zum einen sollen allen Kindern und Jugendlichen unabhängig vom Einkommen der Eltern im Rahmen der Kita- und Schulverpflegung ebenso wie bei Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe qualitativ hochwertige und ausgewogene Mahlzeiten angeboten werden. Zudem will das Ministerium die Qualität des Kita- und Schulessens steigern. Ebenso sollen den Bewohnerinnen und Bewohnern stationärer Einrichtungen „qualitativ hochwertige, genussvolle und ausgewogene Mahlzeiten“ angeboten werden.
Wer ist involviert?
Das Eckpunktepapier zur Ernährungsstrategie hat für Überraschung gesorgt. Wir haben beim BMEL nachgefragt: Wer hat bei der Erarbeitung mitgewirkt?

"Wie Sie wissen, liegt die Verantwortung für die Ausgestaltung der Gemeinschaftsverpflegung bei den jeweiligen Trägern bzw. Einrichtungen, die für den Betrieb der Kantinen und Mensen und die Beschaffung der auszugebenden Mahlzeiten zuständig sind. Involviert sind beispielsweise Lebensmittelproduzenten, Ausgabepersonal und Pädagogen. Es wurden auch Akteure aus den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft, Verbraucherschaft, Umweltschutz, Zivilgesellschaft sowie Vertreterinnen der Länder und Kommunen eingeladen, sich in die Erarbeitung einzubringen. Auch der Dehoga war zu den bisherigen Veranstaltungen eingeladen sowie viele weitere Akteure, die sich mit dem Thema Gemeinschaftsverpflegung aus verschiedenen Blickwinkeln beschäftigen", so eine Sprecherin des BMEL. "Interessierten Akteuren stand und steht jederzeit die Möglichkeit offen, sich schriftlich an das BMEL zu wenden und ihre Positionierung für die Berücksichtigung bei der weiteren Erarbeitung der Ernährungsstrategie zukommen zu lassen." E-Mail: poststelle@bmel.bund.de
Zudem will das Ministerium etwa den Anteil an ökologisch und regional erzeugten Lebensmitteln in der Außer-Haus-Verpflegung erhöhen und pflanzliche Alternativen stärken. Und schließlich sollen die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in der Gemeinschaftsgastronomie bis 2030 verbindlich werden.

"Wir fordern schon seit Langem feste Qualitätsstandards und eine Finanzierung, die Eltern entlastet", äußert sich dazu Ralf Blauert. "Die Kita- und Schulverpflegung hat das Potenzial, ein starkes Instrument für Bildungsgerechtigkeit und Krankheitsprävention in Deutschland zu werden. Andere europäische Länder machen das seit Jahrzehnten erfolgreich vor. Wir sind daher gespannt, welche konkreten Maßnahmen aus dem Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft kommen werden", so der 1. Vorsitzende des Verbandes Deutscher Schul- und Kitacaterer (VDSKC), dessen Verband grundsätzlich alle Bestrebungen befürwortet, die zu einer gesünderen und nachhaltigeren Gemeinschaftsverpflegung führen.

"Gerade der Kita- und Schulverpflegung wurde in der Vergangenheit viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Wenn der Staat die Möglichkeit hat, flächendeckend eine qualitativ hochwertige Mittagsversorgung für Kinder in Schulen und Kitas anzubieten, dann sollte er diese auch nutzen."

Ralf Blauert © privat
In der Branche herrscht Einigkeit darüber, dass einheitliche Richtlinien die Arbeit erleichtern würden.
Ralf Blauert, 1. Vorsitzender VDSKC – Verband Deutscher Schul- und Kitacaterer
Es herrscht darüber Konsens, dass die DGE-Qualitätsstandards in der Gemeinschaftsgastronomie verbindlich sein sollten. Inhaltlich würde sich niemand gegen weniger Fett und Zucker in der Kita- und Schulverpflegung wehren. "Es wäre definitiv gut, die DGE-Standards so schnell wie möglich verpflichtend einzuführen", sagt RWS-Geschäftsführer Felix Weiske. Die Fokussierung auf diese Standards habe innerhalb der Gemeinschaftsgastronomie in den vergangenen Jahren viel bewirkt. Das könne, so Weiske, tatsächlich ein Hebel sein, die Ernährungsstrategie umzusetzen.

Dem stimmt Ralf Blauert zu. "Sicherlich wäre eine frühere Umsetzung sinnvoll. Viele Caterer orientieren sich ohnehin an den DGE-Standards. Eine Verpflichtung wäre für sie schnell machbar", ist er überzeugt. Dr. Stefan Hartmann vom DIG warnt jedoch vor einer überstürzten Einführung: "Die genannten Standards sind wichtig und richtig. Man muss aber aufpassen, dass man keine überbordende Administration aufbaut. Die Auditierung und eventuell unglückliche Kontrollmechanismen könnten abschreckend wirken. Meines Erachtens ist der gesteckte Zeitrahmen daher absolut realistisch."

© BMEL
Der Zeitrahmen für die umfassende Ernährungsstrategie ist auf mehrere Phasen und Zeiträume bis 2050 und zusätzlich an den drei folgenden Kernpunkten ausgerichtet:

  1. Gesundheitsförderliche Ernährungsumgebung schaffen,
  2. klimaschonende Ansätze fördern
  3. Ernährungskompetenz steigern.

Damit sich das realisieren lässt, will die Bundesregierung die Rahmenbedingungen – von der Darbietung über den Konsum bis zur Entsorgung – so gestalten, dass eine gesunde, stärker pflanzenbetonte und nachhaltige Ernährung im Alltag ermöglicht wird. Die Gemeinschaftsgastronomie soll hier als Vorbild wirken.

Felix Weiske © RWS Cateringservice
Das liest sich wie ein Wunschzettel. Was und zu welchem Preis gekocht wird, entscheidet aber der Kunde.
Felix Weiske, Geschäftsführer RWS Cateringservice, Leipzig
Ziel müsse es sein, "dass gesundes Essen auf dem Stand dessen, was die Wissenschaft uns sagt", angeboten werden könne, so Özdemir mit Verweis auf die DGE-Standards. Ein Baustein ist die Förderung pflanzlicher, regionaler und ökologisch erzeugter Lebensmittel. Die Ampel-Koalition peilt bis 2030 einen Öko-Anteil von 30 Prozent der landwirtschaftlichen Anbaufläche an. Um diese 30-Prozent-Quote zu erreichen, ist die Gemeinschaftsverpflegung wichtig: "Tag für Tag essen etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland außer Haus", rechnet Özdemir vor, als er ein Förderprogramm für Bio-Lebensmittel in der Außer-Haus-Verpflegung ankündigt. Wer mehr Bio-Produkte in seinen Küchen einsetzen wolle, soll entsprechend unterstützt werden. Fördern will das Ministerium die Beratung von Betrieben, die erstmals Bio-Produkte in ihre Küche holen oder den Bio-Anteil steigern wollen. Bezuschusst werden bis zu 80 Prozent der Beratungskosten. In Kindertagesstätten und Schulen mit eigenen Küchen können bis zu 90 Prozent übernommen werden. Der Förderhöchstbetrag beläuft sich auf 35.000 Euro. Neben der Beratung wird auch die Schulung der Teams gefördert. Diese "Richtlinie zur Förderung der Beratung von Unternehmen der Außer-Haus-Verpflegung zum vermehrten Einsatz von Produkten des ökologischen Landbaus (RIBE)" ist nun im Bundesanzeiger veröffentlicht.
Projekte der Bundesregierung

"Bio kann jeder – in Schulen und Kita" lautet das Motto der bundesweiten Informationskampagne für mehr Bio-Produkte und nachhaltige Ernährung in Schulen und Kitas. Ein bundesweites Netzwerk von Regionalpartnern unterstützt Verantwortliche vor Ort, ihr Verpflegungsangebot nachhaltiger zu gestalten.

Mehr Bio in Bundeskantinen: Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es, den Bio-Anteil in den eigenen Kantinen zu erhöhen. Hierzu stehen derzeit verschiedene Maßnahmen zur Diskussion, die 2023 greifen sollen.

Regionen-Wettbewerb Gemeinschaftsverpflegung: Das Bundesernährungsministerium plant einen Regionen-Wettbewerb für die Umsetzung einer gesunden und nachhaltigen Gemeinschaftsverpflegung in Kommunen und Regionen. Basis dafür sollen die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sein sowie ein entsprechender Einsatz ökologisch und regional erzeugter Produkte.

Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges bezieht Ende letzten Jahres zu diesen Plänen im ARD-Morgenmagazin deutlich Stellung: "Eine Öko-Quote hilft definitiv nicht, die mit der Ernährungsstrategie verfolgten Ziele zu erreichen. Wer eine Bio-Quote in staatlichen Kantinen fordert, muss auch sagen, wer die dafür anfallenden Mehrkosten zahlt."

Finanzielle Förderungen sehen viele Akteure der Branche als die Voraussetzung, damit sich das Vorhaben überhaupt umsetzen lässt. "Gesellschaftliche Entwicklungen, die die Politik anstößt, muss diese natürlich auch mit den geeigneten finanziellen Mitteln ausstatten", findet Ralf Blauert. "Wir gehen davon aus, dass sich die Bundesregierung bewusst ist, dass Veränderungen nicht von allein passieren und Investitionen in die Zukunft ihren Preis haben."

Die Strategie soll bis Ende 2023 finalisiert und beschlossen werden.

Dr. Stefan Hartmann sieht vor allem bei der Kinderverpflegung Bedarf: "Viele Arbeitgeber haben schon lange erkannt, dass eine gute und gesunde Ernährung ihrer Mitarbeiter auf vieles einzahlt, was den Erfolg von Unternehmen begründet. Bei den Betrieben, die im DIG versammelt sind, kann ich das so behaupten. In der Betriebsgastronomie ist die Finanzierung in der Regel gegeben", so der DIG-Vorsitzende. Anders sehe es bei der Verpflegung in Schulen, Kitas und sozialen Einrichtungen aus. Ohne eine stärkere finanzielle Unterstützung der Träger können hier die Ziele der Strategie nicht oder zumindest nur teilweise erreicht werden.
© BMEL

Nina Wolff, Vorsitzende von Slow Food Deutschland, betont, dass die Bundesregierung einen ersten und wichtigen Pflock für eine gesunde und nachhaltige Ernährungszukunft eingeschlagen habe. Allerdings sei jetzt neben einer angemessenen finanziellen Ausstattung die inhaltliche und zeitliche Präzisierung der Ziele wichtig. "Eine der ersten Maßnahmen der Strategie sollte sein, einen von Genuss und Verantwortung geprägten Ernährungsstil in der Gesellschaft zu verankern." Glücken könne nur eine Ernährungswende, die Mensch und Planeten schmeckt, ist sie überzeugt.

"Gesamtgesellschaftlich scheint es ein guter Zeitpunkt zu sein, um die Themen Nachhaltigkeit, Gesundheit und Umweltschutz mit dem Thema Ernährung zu verbinden", pflichtet Blauert bei. Es gebe ein Bewusstsein bei den Menschen und auch die Bereitschaft zur Veränderung. "Ob alle Ziele erreicht werden, hängt davon ab, wie gut alle Akteure eingebunden und die Änderungen kommuniziert werden. Und – ich wiederhole – wie gut das Ministerium die Strategie finanziell ausstattet."

Nun gilt es, die konkreten Pläne des Bundesministeriums abzuwarten. "Wir arbeiten jetzt die Ernährungsstrategie aus, nicht alleine im stillen Kämmerlein, sondern in einem breit angelegten Prozess", versichert Cem Özdemir. "Unsere Strategie soll insbesondere Kinder in den Blick nehmen, Menschen aus armutsgefährdeten Haushalten und Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Es geht um Chancen. Es geht um bessere Möglichkeiten für alle." Özdemirs Ministerium will die Strategie bis Ende 2023 finalisieren und von der Bundesregierung beschließen lassen.

Das BMEL gibt Auskunft

Die Ernährungsstrategie ist ein groß angelegtes Projekt der Bundesregierung. Die Eckpunkte dazu wurden Ende Dezember 2022 beschlossen. Was genau steckt dahinter? Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gibt Auskunft.

1. Was ist das Ziel hinter der Ernährungsstrategie? Damit sich möglichst viele Menschen in Deutschland gesund und nachhaltig ernähren können, ist es nötig, die Menschen in ihrem jeweiligen Lebensumfeld zu erreichen, das Bewusstsein für notwendige Veränderungen zu schaffen und Impulse für Veränderungsprozesse zu geben. Hierzu müssen vor Ort angemessene Ernährungsumgebungen geschaffen und alltagskompatible Ernährungsempfehlungen umgesetzt werden. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist die Gemeinschaftsverpflegung.

2. Welche Zielgruppen stehen im Fokus? In der Gemeinschaftsverpflegung stehen Kinder und Jugendliche sowie armutsgefährdete Personen im Mittelpunkt. Der bereits im Koalitionsvertrag angekündigte Modellregionenwettbewerb „Ernährungswende in der Region“ wird einen wichtigen Beitrag zu gesunder und nachhaltiger Ernährung in den Regionen vor Ort leisten.

3. Werden für die Küchen konkrete Konzepte erarbeitet, an denen man sich orientieren kann? Über partizipative Prozesse und die Vernetzung von Akteuren sollen Prozesse angestoßen werden, die eine gesunde und nachhaltige Ernährung in der Region zum Ziel haben und zum Auf- und Ausbau regionaler Wertschöpfungsketten bis hin zur Außer-Haus-Verpflegung (AHV) beitragen. Mit der Förderung sollen modellhafte Vorhaben mit innovativen Beiträgen zur Ernährungswende hin zu einer gesunden und an den planetaren Grenzen orientierten Ernährung vor Ort ermöglicht werden.

4. Werden verbindliche Vorgaben erarbeitet, die zur Umsetzung erfüllt werden müssen? Aus Sicht des BMEL sollten in der Gemeinschaftsverpflegung die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung überall verbindlich umgesetzt werden. Besonders die Träger können diese für Umwelt und Gesundheit bedeutenden Kriterien schon bei der Ausschreibung von Verpflegungsleistungen berücksichtigen. Das Nationale Qualitätszentrum für Ernährung in Kita und Schule bietet diesbezüglich Unterstützung an. Das BMEL unterstützt zudem die Vernetzungsstellen Kita- und Schulverpflegung über Projektförderung bzw. über Anteilfinanzierung die Vernetzungsstellen für Seniorenernährung in den Ländern. Weitere Maßnahmen werden im Rahmen der Ernährungsstrategie erarbeitet, die noch in diesem Jahr verabschiedet werden soll.

5. Gibt es ein Finanzierungskonzept? Dass eine Umstellung hin zu nachhaltigeren, pflanzenbetonten Gerichten mit einem hohen Anteil ökologisch erzeugter Lebensmittel nicht teurer ist, zeigen aktuelle Projekte wie das der „Kantine Zukunft“ in Berlin. Über die kürzlich veröffentlichte Richtlinie zur „Förderung der Beratung von Unternehmen der Außer-Haus-Verpflegung (AHV) zum vermehrten Einsatz von Produkten des ökologischen Landbaus“ unterstützt das BMEL eine umfassende Beratung von Küchen, die mit Bio starten oder den Anteil ökologisch erzeugter Lebensmittel erhöhen möchten. Ziel der Beratung soll ein dauerhaftes, wirtschaftlich tragfähiges sowie gesünderes und nachhaltigeres Speisenangebot in den Einrichtungen sein.

6. In welchen Bereichen gibt es für die Branche Unterstützung? Neben Förderungen von Beratung und Schulung von Mitarbeitenden heben wir das Potenzial der GV-Betriebe mit weiteren Bausteinen:

  • Bundesweite Infokampagne "Bio kann jeder"
  • Mehr Bio in Bundeskantinen - mit konkreten Maßnahmen starten wir in diesem Jahr
  • Bio-Außer-Haus-Verordnung: Damit soll die Auslobung von Bio einfacher werden.

7. Wird auch die Kantinenrichtlinie im Zuge der Ernährungsstrategie überarbeitet? Die Kantinenrichtlinien des Bundes werden derzeit unter Federführung des Bundesministeriums des Inneren überarbeitet, um diese an die aktuellen Ernährungsbedürfnisse der Kantinenbesucher anzupassen sowie Nachhaltigkeitsaspekte noch stärker zu berücksichtigen.


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